Clicky

02. November 2019 | Kirchenkreis Egeln
© Ashim D. Silva

02. November 2019

Die Grabrede

„Herr Pfarrer, wir haben für die Rede schon etwas vorbereitet!“ Ein häufige Situation, die ich im Trauergespräch mit Angehörigen und der Vorbereitung der Trauerfeier erlebe. Ich nehme mir Zeit fürs Zuhören. Wie plötzlich der Vater doch gestorben ist. Oder wie lange die Cousine schon unter der Krankheit gelitten hat. Oder dass unsere Mutter ganz friedlich eingeschlafen ist. Unfassbarkeit, Erleichterung, Schmerz, Trauer, Dankbarkeit – der Tod hat viele Gesichter. Der Tod bringt viele Gefühle hervor. Der Tod verändert das Leben der Lebenden. Momente der Sprachlosigkeit. Momente des gewollten Schweigens. Momente, dem Abschied einen besonderen Ausdruck zu geben. Sie soll persönlich sein, aber auch wieder nicht zu persönlich. Die Grabrede hat viele Wünsche zu erfüllen. Dabei geht es gar nicht so sehr um die Lebensdaten. Die sind übrigens säuberlich auf dem Blatt Papier aufgeschrieben, was die Angehörigen „schon für die Rede vorbereitet“ haben. Es ist natürlich wichtig, einiges vom Lebensweg des Verstorbenen ins Wort zu bringen. Doch eine Grabrede misst sich eher daran: Welches Wort tröstet? Es soll kein billiger Trost sein. Ein Blick in die Bibel genügt: Kein Wort von „Es wird schon wieder!“ oder „Da musst du jetzt durch!“ sondern die schmerzliche Grenze des Lebens, der Tod, wird klar benannt. Doch wer vom Tod sprechen kann, der hat die Chance, auch vom Leben zu sprechen. Über den Tod hinaus: „Hoffen wir auf das, was wir nicht sehen…“, so heißt es im Römerbrief der Bibel.  „Allerseelen“ ist ein kirchlicher Gedenktag, der uns diese hoffnungsvolle Rede ermöglicht. Trostvolles Sprechen – auch still durch Zeichen: Brennende Lichter und grüne Zweige auf den Gräbern sprechen vom Glauben an die Auferstehung der Toten. Und darum gibt es die Grabrede. Reden können – über den Tod hinaus. Wer wünscht es sich nicht?

Verfasser: Johannes Zülicke