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Lernen – Innehalten – Zeichen setzen | Kirchenkreis Egeln

Lernen – Innehalten – Zeichen setzen

Lernen – Innehalten – Zeichen setzen


# Andacht
Veröffentlicht von Holger Holtz am Donnerstag, 22. November 2018, 12:00 Uhr

Wütende Flammen, Angstschreie, Tränen, Tod, berstende Scheiben, zerstörtes Leben – Ende des Lebens. Diese Schlagwörter bringen entsetzliche Bilder in mir zum Vorschein. Ich bin mir bewusst, dass diese bei weitem nicht ausreichen, um die Grausamkeiten der sogenannten Reichskristallnacht auch nur annähernd zu fassen. Heute vor 80 Jahren, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, brannten im Deutschen Reich zweidrittel aller Synagogen nieder. Jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden geplündert. Juden in Deutschland wurden ihrer wirtschaftlichen Grundlage beraubt. Doch dem war nicht genug. Es wurde alles daran gesetzt, den Juden auch ihre Menschenwürde zu entreißen. Wer in dieser Nacht „überlebte“ konnte nie wieder der Mensch sein, der er zuvor gewesen war. Der menschenverachtende Umgang mit jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern erreichte seinen vorläufigen traurigen Höhepunkt.

Es hatte sich angedeutet. Bis zu jenem Tag wurde seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 den Juden nach und nach das Leben in Deutschland schwerer gemacht. Immer wieder wurden Gesetze und Verordnungen erlassen, welche Juden immer weiter ausgrenzten. Ihnen wurde der staatliche Bildungszugang erschwert bzw. letztendlich unmöglich gemacht. Sie wurden aus dem Staatsdienst entfernt und durften eine Vielzahl von Berufen nicht ausüben. In allen Bereichen des Lebens mussten jüdische Mitbürger erfahren, dass sie nicht dazugehörten und nicht gewollt waren.

In Folge der Reichskristallnacht verschlechterte sich ein Leben, was eigentlich schlechter nicht mehr werden konnte. Am Ende des Naziregimes 1945 stand eine traurige, erschütternde Bilanz. Ca. 6,3 Millionen Juden mussten den Wahn mit ihrem Leben bezahlen. Nicht mit eingerechnet sind die ungezählten zerschundenen und traumatisierten Überlebenden. Menschen, dessen Leben doch zerstört wurde, da sie dieses niemals wieder normal leben konnten.

Was geschehen ist, ist geschehen. Das ist eine alte Weisheit und ich weiß, dass man Geschichte nicht zurückdrehen kann. Was aber getan werden kann, ist aus der Geschichte zu lernen und die richtigen Schlüsse zu ziehen und letztendlich so zu handeln, dass Dinge, die man für falsch hält oder gar verabscheut, nicht (wieder) geschehen. Die Tage um den 9. November bieten eine gute Zeit, um über die grausamen Fähigkeiten des Menschen nachzudenken.

So bitte ich Sie an diesem 80. Gedenktag eine kleine Weile still zu werden und der Opfer zu gedenken. Zünden Sie, wenn es Ihnen möglich ist, eine Kerze an. Sie ist ein Hoffnungszeichen, dass in den dunkelsten Stunden – wenn auch mitunter nicht sichtbar – etwas da ist, was sich gegen die Dunkelheit dieser Welt stemmt.

 

Bleiben Sie behütet und den Menschen zugewandt!

Erik Hannen, Präses im Kirchenkreis Egeln