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30. September 2019 | Kirchenkreis Egeln
© Sergei Akulich

30. September 2019

Wo ist Gott?

Ich bin unterwegs im Bergwald. Die Sonne hatte noch nicht genug Zeit, den Boden zu wärmen und zu trocknen. Es ist feucht und noch kühl. Spinnweben hängen von den Zweigen und die Tautropfen glitzern. Die tiefstehenden Sonne sticht wie mit Lichtlanzen in das Dunkel. Es ist still. Weiter oben am Hang hört man den Wind durch die Bäume gehen. Eine mystische Stimmung, ich fühle mich wie in einer anderen Welt. Je mehr Zeit ich mir nehme, umso mehr entdecke ich: Einen verkrümmten Baum, der die Last der ganzen Welt zu tragen scheint. Ein anderer dagegen ragt so hoch in den Himmel, dass ich meinen Kopf weit zurücklegen muss, um die Spitze zu sehen. Farne bedecken den Boden. Dazwischen einzelne Herbstzeitlose und jede Menge mir unbekannter Pilze. Irgendwo plätschert Wasser. Es riecht ein modrig. Ich schließe die Augen und lausche meinem Herzschlag. Sekunden vergehen oder Minuten, ich weiß es nicht. Ich spüre etwas Besonderes an diesem Ort.

Und dann denke ich an Jakob aus der Bibel. Der war wegen einer blöden Sache weggelaufen und auf der Suche nach einem neuen Zuhause. Als die Sonne unterging, lehnte er sich an einen der großen Steine, die dort so herumlagen. Während er schlief, hatte er einen Traum: Er sah eine Treppe, die auf der Erde stand und bis zum Himmel reichte. Engel – die Boten Gottes - stiegen geschäftig hinauf und herab. Oben auf der Treppe stand Gott, der Herr und sagte zu ihm: "Ich bin dein Gott. Ich stehe dir bei; ich behüte dich, wo du auch hingehst, und bringe dich heil wieder in dieses Land zurück. Niemals lasse ich dich im Stich!" Dann erwachte Jakob und blickte sich um. "Tatsächlich – Gott, der Herr wohnt hier, und ich habe es nicht gewusst!", rief er.

Ob Gott dort im Bergwald wohnt, weiß ich natürlich nicht. Aber die geheimnisvolle Atmosphäre dort hat mich daran erinnert, dass auch Gott ein Geheimnis ist. Und manchmal, wenn ich nicht begreifen kann, was das Leben gerade mit mir vorhat, dann erinnere ich mich an solche Momente mit Gott. Sie sind nicht verfügbar. Ich kann sie nicht herbeirufen. Doch ich kann wach und dankbar sein für das Geheimnis der Gegenwart Gottes. Manchmal brauche ich die Stille.

Gerade jetzt, wo die Stimmung aufgeheizt ist und laut gefordert wird, wie man zu sein habe und was man tun müsse, um die Welt zu retten, ziehen sich viele ins Private zurück. Vielleicht weil es bequemer ist. Vielleicht aus Unsicherheit. Vielleicht aus Gleichgültigkeit. Vielleicht, weil das Leben so unübersichtlich ist.

Die wichtigsten Reden von Greta Thunberg wurden gerade unter dem Titel „Ich will, dass ihr in Panik geratet!“ veröffentlicht. Das ist eine gute Schlagzeile, aber kein gutes Motto, denn Panik erzeugt Chaos. Und Chaos ist nicht wirklich hilfreich. Wir brauchen ein weltweites planvolles Vorgehen und vielleicht auch ein wenig Besonnenheit, wir brauchen alle Generationen und jeden einzelnen Menschen. Und es sollte nicht in Untätigkeit und Resignation enden!

Wir haben ja schon viel erreicht: die Lebenserwartung ist so hoch wie noch nie, manche Krankheiten wurden ausgerottet, wir leben freier als jemals zuvor. Das Bevölkerungswachstum entwickelt sich momentan ähnlich rasant wie die Erderwärmung. Und ich glaube nicht, dass wir die Welt retten können! Unser Auftrag ist es aber, dazu beizutragen, dass die Erde ein lebenswerter Ort bleibt. Die Welt zu retten, ist ein Job für Gott!

Zum Jakob hatte er damals gesagt: Niemals lasse ich dich im Stich!

Und der hatte gerufen: Tatsächlich - Gott, der Herr wohnt hier, und ich habe es nicht gewusst!

Ja, Gott ist hier. Du kannst ihn spüren: Draußen in der Natur. In unseren Kirchen. In anderen Menschen. In dir. Ein wenig Ruhe und Stille helfen dir dabei, ihn zu finden. Sundays for future!

Verfasser: Johannes Beyer