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21. September 2019 | Kirchenkreis Egeln
© Tyler Nix

21. September 2019

Ich liebe dich

„Ich liebe dich.“
„Mich? Ich kann mich grad selbst manchmal nicht leiden. Ich sehe nur noch das Schlechte und das was nicht geht. Hab irgendwie die Freude verloren. Egal, was ich anfange oder was andere anregen, mir fallen nur die Hindernisse in den Blick, die Anstrengung, die Mühe und das Scheitern.. Ich resigniere. Maule die Menschen an, und besonders die die es eigentlich gut mit mir meinen! Als hätte ich einen Stempel auf mir, der sagt: deprimiert, hoffnungslos, pessimistisch.“


„Ich liebe dich.“
„Mich kann man auch lieben. Ich bin witzig und lustig. Wenn wir alle zusammen sind, dann schaffe ich es, dass die anderen lachen und glücklich sind. Manchmal gibt es komische Situationen, in denen niemand sich traut etwas zu sagen oder die Stimmung ist ganz angespannt. Mit einem Satz kann ich es schaffen, diese Anspannung zu lösen. Das soll jetzt nicht hochnäsig klingen. Ich bin dankbar, dass ich das kann. Aber ehrlich gesagt: manchmal glauben sie mir nicht, wenn ich was ernstes sage. Immer suchen sie den Witz. Als ob ich einen Stempel hätte, wo Clown drauf steht und für nichts anderes Platz ist.“


„Ich liebe dich.“
„Obwohl ich Dinge entscheide, die anderen Menschen schaden?. Obwohl ich sooft nicht da bin? Weder bei meiner Familie, noch bei mir selbst? Obwohl ich manchmal so resolut sein muss? Das große Ganze zwingt mich manchmal Wenn man Verantwortung für etwas Größeres hat, dann wird man manchmal hart und streng. Man würgt auch Kollegen ab, sagt Nein. Und man ist einsam. Als ob ich einen Stempel auf meiner Stirn habe, wo drauf steht: Du bist der Chef. Mit allen Rechten und mit allem Gutes, was diese Rolle mit sich bringt, aber die anderen lesen nie, die schweren Dinge, die diese Rolle auch mit sich bringt.“​


Jemand der liebt, der sieht mehr als den einen Stempel. Der sieht alle Seiten und nicht nur das Offensichtliche. Er sieht das Warum, die Gefühle und vor allen Dingen sieht er was werden kann. Jesus ging damals durch diese Welt. Sah die Stempel auf den Menschen und hat die Menschen nicht darauf festgesetzt, sondern ist zu ihnen hin und hat sie angesehen und ihnen gesagt: Gott liebt dich. Und das hat sie verändert. So wie wir auch von der Liebe verändert werden. Wenn wir uns taufen lassen, dann ist das die große Liebeserklärung Gottes. Stempel, die uns in eine bestimmte Rolle drücken, werden weggewischt, alles ist möglich, weil Gott dich liebt. Wenn ich wieder denke: So bin ich nun mal. Und es geht mir nicht gut damit. Dann brauch ich die Liebe der anderen. Die Liebe meines Mannes, meiner Kinder, meiner Freunde und die meines Gottes: Ich liebe dich.
Und ich höre mich flüstern: „Ich dich auch.“

Verfasserin: Anne Bremer

21. September 2019

Mamas Liebling
 
Bis gestern hatte es das Leben gut mit ihm gemeint. Seine Familie hatte ein gutes Auskommen. Besonders seine Mutter liebte ihn, war er doch der jüngere ihrer beiden Söhne. Manchmal zog ihn sein Bruder damit auf, nannte ihn scherzhaft Muttersöhnchen. Aber im Großen und Ganzen verstanden sich die Brüder gut, denn in Einem waren sie sich sehr ähnlich. Beide  waren davon überzeugt, es einmal weit zu bringen im Leben. Dann würde der Vater sehen, was für tüchtige Söhne er hatte. Ja,  LEISTUNG wurde groß geschrieben in ihrem Elternhaus. Und so wetteiferten sie miteinander, um Erfolge, um Ansehen, um die Gunst ihres Vaters. Doch als es darum ging, wer von den beiden nun der Erste sein sollte, hatte er seinen Bruder übel betrogen. 
Als es aufflog, war es vorbei mit dem guten Leben. Der Familienfrieden war zerstört und sowohl sein Vater als auch seine Mutter sahen nur einen Ausweg: Er musste weg von zu Hause, weit weg. Nach tagelanger Reise war er schnell in den Schlaf gefallen, als er im Traum den Himmel offen sah und hörte, dass er -der Betrüger und Stifter des Unfriedens- eine zweite Chance bekommen sollte. Eine Chance, die er mit keiner Leistung erworben hatte, buchstäblich unverdient. Nun war er hellwach und der Horizont vor ihm, war noch immer offen. Aus der Flucht wurde ein Neubeginn. Nur er war noch der alte, als er gelobte:  „Wird Gott mit mir sein und mich behüten auf dem Wege,  den ich reise,  und mir Brot zu essen geben und Kleider anzuziehen  und mich mit Frieden wieder heim zu meinem Vater bringen, so soll der HERR mein Gott sein.“
 
1. Mo. 28, 20-21
Als GOTT den Bedingungskatalog hörte, musste er schmunzeln. So viele Vorleistungen, die Jakob von ihm erwartete. Und was bekam ER dafür? Glaube? Gehorsam? Das würde ein hartes Stück Arbeit werden, Jakob beizubringen, dass ER diese Art Glauben gar nicht braucht. Dass es nicht um Leistung, sondern um Vertrauen geht. Als Jakob Jahre später mit Gott ringt sagt er: „Ich lasse Dich nicht, du segnest mich denn.“ Keine Vorbedingungen mehr, kein Verweis auf Leistung und Gegenleistung. Dafür das Festklammern an Gott, mit allem was ihn ausmacht. Jakob hat ́s endlich begriffen und erlebt einen offenen, flammend roten
Horizont. 
 
Verfasser: Ulf Rödiger