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31. August 2019 | Kirchenkreis Egeln
© Rodion Kutsaev

31. August 2019

Rahmen des Lebens

Eine Freundin malte mir zum Geburtstag ein Bild. Kräftige Farben, feine Striche zwischen kräftigen Tupfen, natürliche Motive. So, wie ich es mir gewünscht hatte. Das Problem war: Ein halbes Jahr stand das Bild auf dem Schrank im Zimmer herum. Ich suchte noch nach einem passenden Rahmen. Ohne Rahmen wirkt so ein Bild zerbrechlich und vergänglich. Ich befürchtete, es könnte irgendwann hinter den Schrank rutschen, im Altpapier landen oder irgendwie verschwinden. Es hatte seinen Platz noch nicht gefunden. Mein Leben sehe ich wie ein buntes Bild. Ein heißer Sommer, ein Urlaub, der leider schon wieder verblasst, Menschen, die durchs Bild laufen, auch Lücken und, ja, schiefe Linien. Es scheint mir eher ein Aquarell zu sein, als ein Ölgemälde und es ist noch lange nicht fertig, hoffe ich.
Ich frage mich aber: Wo ist der Rahmen des Ganzen? Was soll das Ganze letztendlich? Wer verhindert, dass mein Leben untergeht? Wo ist mein Platz? Wo ist der Aufhänger, von dem der Sinn meines Tuns und Lassens abhängt?
Ich hatte zeitlebens das Gefühl, dass in meinem Leben etwas fehlt ohne meinen Glauben an Gott.  Etwas, das gegen das Verschwinden und Vergehen arbeitet. Etwas Ewiges. Der Glaube bildet den Rahmen meines Lebens. Damit bewahre ich mein Leben vor dem Hinten-Runter-Fallen. Ich feiere bewusst die christlichen Jahresfeste, bete ein Dankgebet vor dem Essen, singe die frohen und die traurigen Glaubenslieder. Sie schenken mir die Gewissheit, dass Gott mich auffängt am Ende des Lebens. Er liefert den Rahmen zum Bild. Das Wort „Religion“ stammt aus dem Lateinischen und heißt „sich festmachen“, z.B. das Boot festbinden, so dass es nicht wegschwimmt, den Gurt anlegen, damit ich nicht aus dem Sitz geschleudert werde, ein Bild anhängen, dass es nicht aus Versehen weggeworfen wird. Ich bin gewiss, dass ich an Gottes großen Bilderwand einmal einen Platz finden werde. Eines Tages kam meine Frau mit einem Rahmen nach Hause. Ein schlichter, weißer Rahmen aus Holz. Er passte perfekt zu meinem Bild. Jetzt hat es seinen festen Platz in unserem Zuhause. Ich freue mich daran, so oft ich es anschaue.

Verfasser: Lars Bremer